Mein Sonntag ...

Augenblick1

Die Farben haben sich am letzten Dienstagnachmittag mit der Sonne verabschiedet. Stadt und Dorf hüllen sich seither in mattes Grau. Altes Eis und fest geregneter Schnee runden das ganze von unten ab. Ein roter Fleck leuchtet mir vom Schaukasten an der Kirche über die Straße entgegen. Ich hatte es gehofft: Das Plakat unserer Andere-Zeiten-Fastenaktion ist ausgehängt. Der rote Fleck ist der rote Kanarienvogel. Er sitzt oben auf seinem Käfig, der Gefangenschaft hinter Gittern entschlüpft, den Kopf streckt er keck der Freiheit entgegen. Der Vogel hebt sich gegen die graugemusterte Tapete ab. Ein Bild wie ein Versprechen zur Fastenzeit. Ich erwarte jetzt frische Farben und frühlingshafte Freiheit, eine Auferweckung der Landschaft aus der Winterstarre, Tulpen und Osterglocken. Die Fastenzeit verspricht Aufbruch. An deren Ende möchte ich eine Osterpredigt hören, die dauergraues Leben endgültig vertreibt. Doch heute ist noch Sexagesimae, der vorletzte Sonntag vor der Passionszeit. Als hätte es jemand geahnt: Im Radiogottesdienst geht es ums Säen und Wachsen und darum, dass Gott sein Reich unaufhörlich heranreifen lässt. Es wächst gegen Widerstände. Mag sein, dass einige das heute anders sehen. Ich aber höre die Worte und sehe, wie es wächst. Noch ein Farbtupfer im grauen Einerlei!

Henning Kiene

kiene(at)anderezeiten.de