Mein Sonntag ...
Verschlafen räkle ich mich in meinen Kissen. Blinzle zum Wecker. Drei nach acht. Schrecke kurz auf – warum hat mein Jüngster sich noch nicht gemeldet? Ach ja, die Kinder schlafen bei Omi. Schööööön! Wach bin ich trotzdem. Wieso eigentlich? Ich lausche. Glockengeläut dringt an mein Ohr, jetzt auch in mein Bewusstsein. Das erste Geläut des Sonntags. Normalerweise sitze ich ja schon längst geduscht am Frühstückstisch, um kurz vor zehn geht´s dann los zur Kirche. Aber heute? Heute könnte ich noch ein halbes Stündchen weiter schnuckern. Heute könnte ich mich nach dem Duschen mal ausgiebig eincremen, ohne dass jemand unbedingt sofort und jetzt gleich mit mir puzzeln will. Heute könnte ich ganz in Ruhe ohne umgeworfene Kakaobecher mit meinem Mann frühstücken. Nur wir zwei. Ach nö, denke ich, heute bleib ich hier… und habe postwendend ein schlechtes Gewissen. Wäge das Für und Wider ab. Interessanter Predigttext heute. Das Singen wird mir auch fehlen… Neben mir liegt mein Mann und atmet gleichmäßig. Sieht aus, als würde er lächeln im Schlaf. Knapp zwei Stunden später. Im Bademantel sitze ich auf dem Badewannenrand, lasse die Hand durchs Wasser gleiten. Ich höre meinen Mann pfeifen, Geschirr klappert, der Duft von frischem Kaffee steigt in meine Nase. Herrlich! Wieder höre ich die Glocken. Gleich wird die Kirche vom Klang der Orgel erfüllt sein, die Pastorin wird durch den Mittelgang schreiten… Ich gleite in die Wanne. Wunderbar warm! Ich habe null schlechtes Gewissen mehr – aber es tut gut, zu wissen, dass heute die anderen für mich beten!
Ulrike Berg