Mein Sonntag ...

Im neuen Meisenkasten piepst es. Wenige Meter daneben haben wir die Kaffetafel gedeckt. Endlich Sommer. Ich sitze noch allein, genieße die Ruhe. Die Blaumeisen tragen Futter herbei. Eine stoppt auf einem Mauervorsprung und bleibt bewegungslos sitzen. Ein prüfender Blick zu mir, dann Sturzflug zum Kasten, die Meise verschwindet im engen Loch. Das Piepsen im Kasten schwillt an, wird zum Radau, verstummt. Die Meise taucht wieder auf, ein Blick zu mir, eiliger Abflug. Im Kasten piepst es wieder leise. Klingt ängstlich. Unsere Sonntagskaffeetafel: Kuchen, Kaffee, Tee, Kakao, Sahne, Teller, Tassen. Es fehlt nichts. Dann füllen sich die Stühle. Die Kinder lassen sich lässig nieder, auch deren Freunde, gleich ist WM. Wir sitzen um den Tisch, reden, lachen, diskutieren, was macht Schweinsteigers Muskelverhärtung? Alle reden gleichzeitig, wir werden immer lauter. Am Meisenkasten herrscht Stillstand. „Ruhe“, sagt jemand im Kommandoton, „alle sillsitzen, die Meise will füttern.“ Die hockt bewegungslos auf dem Mauervorsprung. In ihrem Schnabel zappelt frisches Futter. Wir verharren erstarrt auf unseren Plätzen. Alle beobachten den Meisenkasten, lauschen der Geräuschkulisse, die aus dem Kasten zu uns tönt. „So leise waren wir lange nicht“, behauptet eins der Kinder. Flüsterton bis zum Anpfiff. Aber dann wird es im Wohnzimmer laut. Vor dem Fernseher bricht der Jubel aus. Draußen jubeln die Meisen übers Futter.

Henning Kiene

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