Lieber Sonntag,
wir kennen uns jetzt schon so lange. Ein ganzes Leben. Du hast all unsere Veränderungen mitgemacht, warst nicht beleidigt, wenn wir dich ignorierten, hast milde drüber hinweg gesehen, wenn wir beklagten, wie langweilig Du bist.
Wie schwierig Du für uns als Kinder warst! Steife Kleider mussten wir tragen, die wir auf keinen Fall schmutzig machen durften. Gesittet sollten wir neben Mama und Papa durch den Park spazieren, wo wir lieber einen Fußball getreten hätten. Tanten kamen zu Besuch, deren feuchte Wangenküsse wir hassten, andererseits gab es dazu Buttercremetorte, die uns den Rest ertragen ließ. Manchmal nahm uns Opa mit in den Gottesdienst, und auch, wenn wir nichts verstanden, waren die Gesänge geheimnisvoll schön.
Dann wurden wir Teenager. Das machte unser Miteinander nicht leichter. Jetzt wurden die Kirchgänge Pflicht. Uns morgens um neun aus dem Bett zu quälen, schien pure Folter. Wir flüsterten und kicherten in den vorderen Kirchenbänken (da mussten wir sitzen!) und ernteten des Pfarrers zornfunkelnde Blicke. Aber wir erhielten ein Sternchen für Anwesenheit, und die Konfirmation war wieder ein Stück näher gerückt.
Am Abend wünschten wir uns dann, Deine Minuten mögen zu Stunden werden. Das Matheheft lag unberührt und vorwurfsvoll auf unserem Schreibtisch, und auch die Lateinvokabeln waren noch nicht in unser Hirn vorgedrungen. Wir wussten natürlich, dass wir all dies den ganzen Nachmittag hätten erledigen können, den wir ohnehin öde fanden. Aber ein Teenagerherz ist nicht von Vernunft getrieben, also haderten wir so lange, bis als Ausweg nur noch das Heft der Sitznachbarin am Montagmorgen blieb.
Aber auch das ging vorbei. Zum Glück! Denn dann kam die Studienzeit, und die Dinge entspannten sich. Auf einmal probierten wir all jenes, was wir noch zwei Jahre zuvor empört als spießig abgetan hatten: Wir luden Freunde zum Frühstück ein und kochten ihnen ein Ei. Wir bestückten Spaziergänge mit Picknickkörben. Wir kochten, nur dass der Braten nicht Punkt zwölf auf dem Tisch stand und auch kein Braten, sondern ein Nudelauflauf war. Wir entdeckten, dass es Gottesdienste auch zu genehmeren Zeiten, zum Beispiel am Abend, gab. Und danach versammelten wir uns vor dem Fernseher irgendeiner WG, um gemeinsam den „Tatort“ zu zelebrieren.
Lieber Sonntag, das war der zarte Beginn unserer Liebe zu Dir. Wir entdeckten neue Seiten. Aus dem grauen Mauerblümchen wurde eine Persönlichkeit voll ungeahnter Facetten. Wir staunten!
Als dann das Arbeitsleben begann, erkannten wir, dass Du eine Oase bist. Ein Freigeist. Du bietest hundert Möglichkeiten. Wir brauchen Dich. Ein Tag in der Woche, an dem wir tun dürfen, was schön ist – und nicht, was sein muss. Wir bringen unsere Seelen ins Lot. Wir ordnen die Welt mit Freunden. Wir bauen mit Lena und Lukas stundenlang Bauklotztürme. Wir vergraben uns in ungelesenen Zeitungen. Wir träumen rosa Wolken in den Himmel, wir entwerfen Utopien, die uns in den Montag tragen. Du bist der Tag, an dem niemand etwas von uns fordert. Und wer es doch tut, wird mit einem milden Lächeln auf Deine Existenz verwiesen. Du bist wie ein großer Bruder. Du beschützt uns vor Zeitdieben, Stressmachern, Immermehrwollern. Wir sinken in Deine Arme und denken wohlig: Uns kriegt ihr nicht!
Wir lieben Dich.
Dein Andere-Zeiten-Team