Mein Sonntag ...
Ein Sonntag bei den Toten
Ich bin eigentlich kein großer Friedhofsgänger. Manche Menschen schwärmen ja für diese stillen Orte. Eine Freundin von mir besucht in jeder neuen Stadt immer zuerst den Friedhof. Das liegt mir nicht so. Aber im Herbst ist das was Anderes. Wenn die Blätter fallen und die Tage manchmal gar nicht aus dem Dämmerlicht herauskommen, dann zieht es auch mich zu den Gräbern. So wie gestern, an dem Tag, der in der evangelischen Kirche offiziell „Ewigkeitssonntag“ heißt, im Volksmund aber meist „Totensonntag“ genannt wird.
Langsam schlendere ich durch die Reihen der Grabsteine. Manche Grabsteine finde ich langweilig, manche auch aufdringlich modern. Aber es gibt auch viele schöne. Ich mag schlichte Holzkreuze. Oder einen anrührenden Engel. Und hinter jedem Grabstein, hinter jedem Namen verbirgt sich ein ganz persönliches Schicksal. In meiner Fantasie blättern sich Lebensgeschichten auf wie ein Buch. Der alte Kapitän, der ein stolzes Segelschiff auf seinen Grabstein meißeln ließ. Der junge Mann, hinter dessen Namen kein Todesdatum steht, sondern nur ein Eisernes Kreuz und die Worte: Vermisst im Osten. Die Frau, deren Kinder ihr Fotos auf das Grab gestellt haben. Verwittert sind manche Steine vom Alter, manches Grab ist ungepflegt oder trägt schon den Hinweis: „Angehörige bitte bei der Friedhofsverwaltung melden.“ Am Rande des Friedhofs ein paar verfallende Familiengruften. Daneben eine Wiese voller Kränze, Blumensträuße und anderer Erinnerungszeichen.
Das Schönste an unseren Friedhöfen ist für mich, dass sie den Charakter eines Gartens haben. Blühen und Verwelken, Werden und Vergehen werden hier ganz anschaulich. Es geht um einen Kreis, der sich schließt, denn der Garten verweist auf die Anfänge der Menschheit, auf den Garten Eden, auf das Paradies. In dieses Paradies, so ist die Botschaft unserer Friedhöfe, werden wir einst wieder hineingehen.
Thomas Kärst