Mein Sonntag ...
Wahlsonntag
Eine anstrengende Sache, so eine Wahl. Jedenfalls für die Kandidaten. Egal, ob Kommunal-, Landtags-, oder Bundestagswahl: Bis zur letzten Minute, bis zum Vorabend des Wahlsonntags, kämpfen sie um Wählerstimmen.
Wahlen finden immer sonntags statt, weil da alle frei haben. Jedenfalls die meisten. So können die Wahlberechtigten am besten ihren staatsbürgerlichen Pflichten nachkommen. Und Wochen, ja Monate vorher wird dem Wahlvolk regelmäßig diese Frage gestellt: „Wenn am nächsten Sonntag Bundestagwahl (oder welche Wahl auch immer) wäre, welche der folgenden Parteien würden sie dann wählen?“ Aus den Ergebnissen können die Statistiker dann die voraussichtlichen Wahlergebnisse errechnen. „Wahlabsichtsfrage“ wird die Frage daher offiziell genannt. Aber weil es wohl griffiger klingt, hat sich dafür der Begriff „Sonntagsfrage“ eingebürgert.
Schade eigentlich, dass der Begriff auf diese Weise schon besetzt ist. Denn jeder Sonntag ist auch eine Einladung, sich selber Fragen zu stellen, Sonntagsfragen der eigenen Art sozusagen. Was kann man mit diesem Tag nicht alles anfangen, wenn man mal keinen staatsbürgerlichen Pflichten nachkommen muss? Was ja meistens so ist!
Der Sonntag ist ein Raum der Freiheit, eine Einladung zur Freude. Der Schriftsteller Bert Brecht hat in seinem Gedicht „Vergnügungen“ einige seiner Freuden aufgezählt: „Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen / Das wiedergefundene alte Buch / Begeisterte Gesichter“ zum Beispiel. Für Brecht zählen auch Alltagsvergnügungen: „Die Zeitung / Der Hund“ oder auch „Duschen, Schwimmen“. Alles kann zum Fest werden: „Alte Musik / Bequeme Schuhe / Begreifen / Neue Musik / Schreiben, Pflanzen / Reisen / Singen / Freundlich sein“.
Sicherlich kann man sein Dasein auch wilder feiern und Party machen. Das ist ja das Schöne: Am Sonntag, unserm Feiertag, haben wir freie Wahl. Eigentlich haben wir jeden Sonntag Wahlsonntag.
Kai-Uwe Scholz
Foto: traumfaengerin / photocase.com