Rund um die Uhr?
Morgen ist “Jungs-Tag”. Zuerst Fußball, dann Grillen in den Ruhrwiesen. Fünfzehn Jahre machen sie das schon so. Mit rauen Sprüchen, blauen Flecken und dem Gefühl, richtig gute Freunde zu sein. Morgen leider ohne Jörg im Tor. Jörg ist Polizist und muss zum Sondereinsatz.
Ein paar Straßen weiter wohnt Gisela. Morgen feiert sie ihren 60. Geburtstag. Drei Tage lang hat sie dafür den Garten hergerichtet und Kuchen gebacken. Ab elf Uhr wird ihre große Familie eintreffen. Leider ohne Ute. Ute ist Ärztin und hat morgen Dienst im Krankenhaus.
Auf dem Weg dorthin wird Ute Sven begegnen. Sven arbeitet in einer Tankstelle. Weil das Geld von seinem anderen Job nicht reicht. Eigentlich würde Sven morgen lieber ans Wasser. Zusammen mit Babs, seiner neuen Freundin. Aber die Arbeit geht vor.
Mit den Kumpels Fußball spielen, der Familie Geburtstag feiern oder mit der Freundin am Baggersee faulenzen – drei von vielen schönen Möglichkeiten, die Freizeit zu verbringen.
Für viele Menschen gehört auch Shoppen dazu. Am liebsten rund um die Uhr. Sogar sonntags.
Seit vorgestern geht das, jedenfalls in Frankreich. Da hat die französische Regierung mit knapper Mehrheit ein Gesetz durchgebracht, das sonntags weitere Ladenöffnungszeiten erlaubt. Weil verordnete Ruhetage angeblich nicht in eine moderne Gesellschaft passen.
Auch in Deutschland gibt es solche Bestrebungen. Und dieselbe Gegenwehr wie in Frankreich. Zum Beispiel von den Kirchen. Die klagen zur Zeit vor dem Bundesverfassungsgericht, um die weitere Öffnung von Geschäften am Sonntag zu verhindern.
Viele stören sich an dieser Klage und betonen z. B. in Leserbriefen, dass die Kirchen das persönliche Freizeitprogramm nichts angeht. Stimmt. Aber nur zur Hälfte. Wie der Sonntag verbracht wird, soll niemanden vorgeschrieben werden. Auch nicht von den Kirchen. Der Gesetzgeber hat nur ganz allgemein festgelegt: Der arbeitsfreie Sonntag soll der “seelischen Erhebung” gelten. Wie das am besten geht, muss jede Bürgerin und jeder Bürger für sich selbst beantworten.
Allerdings brauchen sie auch die Möglichkeit dazu. Wer sonntags an der Kasse stehen muss, kann das nicht. Darum greift es zu kurz, wenn uns Christen in dieser Debatte unterstellt wird, wir wollten Kirchenbänke auffüllen. Klar, das Recht zum Gottesdienstbesuch ist uns wichtig. Für jede einzelne Verkäuferin und jeden Lagerarbeiter.
Doch der Sonntag ist weit mehr. Auch für Menschen, die nicht religiös sind. In der Tat: Es geht an diesem Tag um Freiheit. Aber nicht nur meine eigene. Es geht um Freiheit von Leistungsdruck. Von der Stechuhr und vom Profitdenken. Für eine verlässliche Auszeit mit anderen zusammen, die auch frei haben. Einmal in der Woche.
Schon vor mehreren tausend Jahren, als das Gottesvolk für sich den Feiertag einführte, war das ein wichtiger Grund: Halte den Feiertag heilig, sagt die Bibel. Da verrichte keine Arbeit. Auch dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, sollen keine Arbeit tun. Auch nicht die Fremden, die in deiner Stadt leben, damit sie alle Ruhe haben können, so wie du.
Ein deutliches Gebot: Einmal in der Woche zur Ruhe kommen. Alle gemeinsam. Sicher, das ist nur schwer einzuhalten. Denn wer in Not gerät, muss z. B. bei Klaus und Ute professionelle Hilfe finden. Aber ohne Not gibt es keinen Grund, am Sonntag die Geschäfte zu öffnen und den Verkäuferinnen die Möglichkeit zu nehmen, zusammen mit der Familie oder Freunden ihre Auszeit zu genießen.
Der freie Sonntag ist eine wertvolle Tradition der Bibel. Wer sie für eigene Vorlieben aufgibt, findet sich vielleicht selbst bald sonntags an seinem Arbeitsplatz wieder.
Von Elke Rudloff
Quelle: http://www.daserste.de/wort