Mein Sonntag ...

Augenblick1

Sonntagmorgen, acht Uhr. Ein Blick aus dem Fenster offenbart Nieselregen. Kein wunderbarer Frühlingstag, das frisch renovierte Fahrrad wird angekettet bleiben. Wo sind sie, die milden Lüfte, die wohlbekannten Düfte? Ich schäle mich aus dem Bett, und da fällt es mir siedendheiß ein: Die Wäsche! Sie hängt draußen. Ich wollte sie schon gestern Abend abnehmen, aber irgendwas kam dazwischen. Barfüßig stürze ich auf den Balkon und versuche zu retten, was zu retten ist. Schließlich sitze ich neben einem Wäscheberg bibbernd in der Küche. Nicht gerade sonntäglich. Doch da: ich schnuppere. Das ist kein Waschpulver. Auch kein Parfum, kein Duschgel kann so riechen. Nur im Wind getrocknete Wäsche riecht so. Nach Himmel. Nach Anfang, nach Frische, nach Leben. So muss das Paradies gerochen haben. Sein Tor mag verschlossen sein, aber sein Duft weht über die Mauer. Und fängt sich in meinen Pullovern. Ich streife einen über und trage einen Sonntag lang den Himmel auf der Haut.

Susanne Niemeyer
sniemeyer(at)anderezeiten.de