Mein Sonntag ...
„Herr Pastor, ab Montag haben wir eine Bibel!“ Die Frau an der Kasse strahlt mich an, „mit Gold und Leder und so“, ergänzt sie ihre gute Nachricht. Sie verspricht, ein Exemplar zurück zu legen, „nur für Sie!“ Ich bedanke mich, gelobe die Bibelkaufentscheidung kommenden Sonnabend zu fällen. Dann noch ein kurzes Plaudern über Wind und Wetter und „Tschüss“. Draußen räume ich meinen Einkauf in den Kofferraum. „Bibel im Discounter, neben Duschgel und Tiefkühlkost. Gottes Wort zwischen Tomatenmark und Hundefutter“, murmele ich vor mir her, „zwischen Lachs und Mettwurst.“ Kommt mir alles komisch vor.
Meine Mutter wäre empört. „Bücher gehören in die Buchhandlung!“, hätte sie gesagt und „die Bibel ist doch etwas Besonderes!“ Ich sehe noch, wie sie unsere Familienbibel aus dem Regal holte. Das war irgendwie feierlich. Stolz hielt sie das Buch in der Hand. Über Generationen war es weitergegeben worden. In der eingehefteten Chronik stand ihr Name, und darunter hatte sie uns Geschwister eingetragen. An Weihnachten wurde die Geburtsgeschichte aus ihr vorgetragen. Wir Kinder schmökerten noch etwas in der Familienchronik. Dann stand sie wieder im Regal. Mutter lebt schon lange nicht mehr. Sie muss sich nicht mehr über Discounterbibeln empören.
Im Gottesdienst am Sonntag geht es um den Trost. Der Kollege redet eindringlich: Gott gebe seinen Trost, und der wirke sich direkt im Alltag aus. Ein aufblühender Krokus verspräche manchmal mehr Trost als tausend gut gemeinte Worte. Außerdem zahle Gott seine große Barmherzigkeit nur in kleiner Münze aus. Und während er so predigt, stehe ich wieder an der Kasse bei Aldi. Gottes Wort liegt auf dem Kassenband, schiebt sich mit Zwiebeln und Parmesankäse Richtung Kasse. Meine Skepsis ist gebrochen. Montag werde ich die Discounterbibel gleich kaufen. Gottes Wort ist im Alltag angekommen.
Henning Kiene
hkiene(at)anderezeiten.de